Dualität – Nicht-Dualität

Laut Advaita ist ausschließlich diese Erscheinungs-Welt dual. So etwas wie ein Selbst gäbe es nur im Zusammenhang mit einer Erscheinung – nämlich als den Zeugen dieser Erscheinung. Sobald die Erscheinung sich auflöst, müsste sich auch der Zeuge auflösen. Die eigentliche Natur der Realität sei aber Nicht-Dual, was bedeutet, dass es dort keine Unterschiede und keine Individualität (Persönlichkeit) gibt. Mit Persönlichkeit ist hier selbstverständlich nicht das Ego-Ich gemeint, sondern die innere, individuelle Subjektivität. Laut Advaita gibt es nur das Prinzip der Existenz, das in sich nicht strukturiert ist, also keine definierten Eigenschaften haben kann.

Die Lehre der Nicht-Dualität enthält einen wahren Kern, denn es gibt tatsächlich das Prinzip der Existenz – den unpersönlichen Anteil in der Quelle – der bei der blitzartigen Erfahrung der Leere erlebt wird. Viele nennen das eine „Erleuchtung“ – in Wirklichkeit ist es aber nur eine Öffnung der inneren Tür, die zum Eintreten auffordert. Diesen Teil der Realität jedoch als die gesamte Realität anzusehen ist schlicht und einfach naiv, denn alleine schon die Behauptung, dass es keine Dualität gäbe, setzt Dualität voraus.

Die Wahrheit ist, dass alles immer paarweise auftritt und dass es niemals einen reinen, nicht-dualen Zustand geben kann, den „jemand“ erlebt, denn dann ist dieser Jemand bereits ein Ausdruck von Dualität. Advaita ist nichts anderes, als eine grob vereinfachte, intellektuelle Vorstellung der Natur der Realität. Der Verstand der Advaita-Urheber reichte nicht aus, um die Natur der Realität wirklich zu verstehen. Das kann kein normaler Verstand, das geht um viele Größenordnungen über die normale Verstandeskapazität hinaus. Daher vereinfachten sie und stellten ein Denk-Modell auf, das ausschließlich auf der Erfahrung der Leere basiert. Diese ist aber nicht das Ganze, sondern nur ein kleiner Teil und so ist auch diese Öffnungs-Erfahrung nur der Beginn der Reise nach innen.

Man muss sich doch nur einmal die Natur anschauen. Die Pflanzenwelt und Tierwelt ist selbst hier in Deutschland so extrem vielfältig, dass die Vorstellung, dass dies ohne die extreme Intelligenz einer erschaffenden Ur-Struktur „einfach so“ entstanden sein soll, einfach nur lächerlich ist. Natürlich könnte man dann wieder fragen: Wer hat denn dann den Erschaffer erschaffen? Die Antwort wäre dann: „Er hat sich selbst erschaffen„.

Wie ist das möglich? Durch die Entwicklung von Bewusstsein seiner selbst. Das, was ursprünglich da war, kann kein Bewusstsein seiner selbst gehabt haben, denn dann gäbe es keine unstrukturierte Leere. Also muss sich aus der Leere heraus der erste Funken von Bewusstsein erhoben haben und hat damit den Verbund der ersten bewussten Struktur geschaffen. Wie, wann, wo, warum? Das kann ich nicht beantworten. Aber ich weiß, dass es ein grundsätzliches Gesetz der Evolution gibt: Wie innen, so außen, wie oben, so unten.

Das führt dazu, dass sich der ursprüngliche Entwicklungsprozess innerhalb der Quelle, widerspiegelt, in der „Erleuchtungserfahrung“ (Türöffner), dem Erwachen des Bewusstseins und der Entdeckung und Entwicklung der inneren, individuellen Subjektivität. Ab einem bestimmten Punkt, innerhalb dieses Prozesses, kann man davon sprechen, dass eine „Seele“ existiert, ein individuell-subjektives, selbst-bewusstes geistiges Wesen, das es vorher noch nicht gab. Die Anlagen dazu hat jedes psycho-somatische Wesen – das ist das bewusste Ich, das den Verbindungspunkt darstellt, zwischen der Quelle und diesem Wesen.

Aber ohne die initiale Öffnung, gefolgt von der Entdeckung und Verwirklichung der inneren Subjektivität, des inneren Potentials, gibt es da weder ein Bewusstsein, noch eine Individualität. Normale Menschen besitzen ein Kollektiv-Bewusstsein und eine Kollektiv-Identität. Man muss nur hinschauen, dann sieht man das deutlich, zum Beispiel an der automatischen Gruppenbildung.

Innerlich entwickeltere Menschen, die bereits eine Basis-Individualität aufweisen, erkennt man unter anderem daran, dass sie das Kollektiv meiden. Nicht, weil sie das wollen, sondern weil sie es nicht mehr ertragen. Sie haben sich vom Kollektiv abgewandt, sind aus dem kollektiven Traum aufgewacht und gehen ihren eigenen Weg, der sie automatisch immer weiter vom Kollektiv entfernt. Dabei ist es gleichgültig, wie sich das im Einzelnen in der Erscheinungs-Welt ausprägt.

Wichtig ist nur eines: man darf die Realität nicht unterschätzen und auf die Natur der ersten Öffnungserfahrung reduzieren. Die Natur der Realität muss zwingend mindestens so vielschichtig sein, wie die Natur der Erscheinungs-Welt. Weil etwas hoch-komplexes leicht etwas einfaches hervorbringen kann – aber etwas grundlegendes und einfaches, kann niemals „einfach so“ etwas hoch-komplexes hervorbringen – weil es die dazu nötige Intelligenz nicht besitzt.

Zum Beispiel sind wir heute in der Lage, aufgrund unserer Intelligenz und Erfahrung, technische Produkte zu erzeugen, die noch vor hundert Jahren in den Bereich der Phantasie eingestuft worden wären. Und die Entwicklung geht immer schneller, weil die vorhandene Wissens-Strukturen schon sehr komplex sind. Diese Entwicklung muss in der Quelle ein Gegenstück haben, sonst gäbe es sie nicht in der Erscheinungs-Welt.

Schaue Dir einfach die Erscheinungs-Welt an und stelle Dir vor, Du müsstest sie erzeugen. Dann siehst Du sofort, was für eine ungeheure Leistung hier ununterbrochen aufgebracht wird. Vielleicht ist die ganze Welt etwas viel und Du kannst Dir das nicht vorstellen – dann nimm eine lebendige Blume und schaue Dir alle ihre Strukturen an oder auch nur ein Blatt eines Baumes. Dann nimm ein Vergrößerungsglas oder ein Mikroskop und schaue es damit noch genauer an.

Kannst Du Dir auch nur annähernd vorstellen, wie intelligent die erschaffende Struktur dieser Dinge sein muss? Ich kann das nicht – ich stehe sprachlos vor diesem Wunder. Daher darf man, wenn man die Natur der Realität begreifen will, nicht darüber nachdenken, denn der Verstand hat nicht genug Kapazität dazu! Man kann die Natur der Realität nicht „erdenken„, sondern nur fühlen und muss sich ihr intuitiv annähern, um das benötigte, nonverbale Wissen empfangen zu können.

Hier noch zwei Artikel von Anadi über Advaita, die ich gestern Abend auf seiner Seite fand. Sie zeigen klar die Fehler im Mythos der ausschließlichen Nicht-Dualität auf:

Advaita – The ruse of Shiva

Advaita – Mind over Reality