Das “Hier und Jetzt”

Einige Gedanken zu dem berühmt-berüchtigten “Hier und Jetzt“. Wenn ich einem normalen Menschen sage: “bleibe einfach im ‘Hier und Jetzt’ ” schaut der mich mit großen Kuh-Augen unverständig an und sagt: “Aber ich bin doch hier…

Natürlich ist er da bzw. “das Bewusstsein des Da-Seins” ist da – aber er erfährt das nicht, sondern hauptsächlich mentale Inhalte, die er als “ich” ansieht: Gedanken, Emotionen, Gefühle.

Da er verlernt hat, dass es auch noch andere Wahrnehmungen gibt, und er nicht einfach auf die mentale Ebene verzichten kann oder sie gar abschalten kann (außer sie schaltet sich von selbst ab), benötigt er erst einmal einen Anker.

Da gibt es verschiedene Elemente: Das Bewusstsein für

  1. die Präsenz (I Am, presencing)
  2. die Leere des Mind (Emptiness, Void)
  3. die Ausstrahlung oder Strahlkraft (Luminosity)
  4. den inneren Ton (Nada, das habe ich benutzt)
  5. den Atem an den Nasenlöchern
  6. den Hintern auf dem Stuhl
  7. den Füßen auf dem Boden
  8. den kinästhetischen Empfindungen des Körpers
  9. die Geräusche, zB Vogelzwitschern
  10. die Farben und Formen im Sehfeld
  11. etc.

Wer die ersten 3 Punkte erfährt, der braucht ziemlich sicher keinen Anker mehr – das ist das, was hier ununterbrochen da ist.

Jeder andere kann sich das Passende aussuchen und zB beim Spazierengehen oder immer darauf fokussieren bzw. daran festhalten. Es wird sicherlich eine geraume Zeit dauern, bis die Fähigkeit ausgebildet ist, mühelos an einem Anker festzuhalten, ohne abzuschweifen.

Aber irgendwann ist das vollkommen mühelos und dann kann begonnen werden, sich nicht mehr festzuhalten, also quasi “frei schwebend DA zu sein“. “Frei schwebend” ist allerdings nicht ganz richtig, denn dabei wirkt die “Präsenz” oder der “Wahrnehmungs-Strom” (Präsentations-Strom, presencing) als Anker.

Auch das wird eine geraume Zeit dauern. Aber wenn diese Fähigkeit, die eigentlich immer in Form der statischen “Bewusstheit” oder des “Gewahrseins” vorhanden ist, einmal erlernt wurde, so dass sie vollkommen mühelos immer da ist, also ohne “etwas zu tun” – dann ist das die Basis für die Fähigkeit, alles, was da ist, gleichzeitig zu gewahren. Das kann als “Hier und Jetzt” bezeichnet werden oder als “ununterbrochene Feld-Bewusstheit“.

So vorzugehen hat eine große Aussicht auf Erfolg und wird grundsätzlich in der Shamatah-Meditation so gemacht – allerdings im Sitzen. Von Meditation bin ich nicht besonders angetan – ich bin eher ein Freund davon, das ununterbrochen beizubehalten. Das mag am Anfang schwerer sein, weil es dabei mehr Ablenkungen als bei der Sitz-Meditation gibt. Aber wenn das konsequent durchgezogen wird, dann ist das Ergebnis immer da – wörtlich gemeint.

Ich habe jahrelang auf den inneren Ton (Nada) gelauscht, was letztlich zu einem Awakening führte, während dessen der gesamte “Verstand“, die “Psyche” und die “Identität” umgekrempelt wurden. Vorher waren viele “Stimmen” da, die ständig gegeneinander kämpften, nachher war das alles weg, gelöscht, genullt – statt dessen war eine tiefe Stille und Frieden da. Das war der Startpunkt, um die Natur der Realität ungestört zu erforschen.

Nisargadatta Maharaj sagt zum “Hier und Jetzt“:

  1. As you watch your mind, you discover your self as the watcher.
  2. When you stand motionless, only watching,
  3. you discover your self as the light behind the watcher.
  4. The source of light is dark, unknown is the source of knowledge.
  5. That source alone is. Go back to that source and abide there.
    Nisargadatta Maharaj, “I Am That” – pg 188