Direkte Wahrnehmung

Vor einiger Zeit habe ich angefangen, mit dem nachstehenden Satz zu experimentieren, um die Körperwahrnehmung zu intensivieren, die bei weit ausgedehntem Bewusstsein etwas in den Hintergrund gerückt ist.

Wie fühlt sich das Lebendig-Sein jetzt an?

Das bewirkt unmittelbar die Weitung des Aufmerksamkeitsfeldes über den gesamten Körper, so dass alle Körperwahrnehmungen inkludiert sind. Die Wahrnehmung ist dabei sehr direkt und führt zu einem “Springen der Aufmerksamkeit” auf jeweils den stärksten Reiz – ohne die anderen dabei aus dem Fokus zu verlieren.

Das wirkt wie ein Feuerwerk von teils nur “winzigen” Wahrnehmungen, die aber bei zunehmender Sensitivität sehr intensiv werden können. Das sind meistens so unbeachtete Wahrnehmungen, wie zB: Ein Schweißtropfen läuft über den Kopf nach unten, eine Fliege krabbelt über den Arm, ein Grashalm streift den nackten Unterschenkel, das linke Ohrläppchen juckt, eine Schnake sticht in den Hals – und so weiter. Das weitet sich später auch auf die anderen Sinne aus. Es ist zB durchaus möglich, auch das Sehen, Hören und Riechen etc. zu fühlen – zusätzlich zum eigentlichen Sinnesreiz.

Mit “direkt empfinden” ist nicht gemeint, etwas zu fühlen und dann zu denken: “Schweißtropfen läuft auf dem Kopf“. Damit ist gemeint, diese Empfindung direkt zu fühlen ohne irgendwelche Zwischen-Schritte, wie denken, sprechen oder imaginieren zu benutzen. Wenn jemand sich unvorhergesehen an einer Nadel sticht oder mit einem Messer schneidet, dann tut das spontan und unmittelbar weh. Dieser Moment des “Wehtuns” bzw. “Schmerz-Fühlens“, ist mit “direkt empfinden” gemeint.

Letztlich führt das direkte Fühlen dazu, die Wahrnehmungen zu genießen – egal um was es sich handelt. Das direkte  Fühlen der Wahrnehmungen führt auch dazu, dass bemerkt wird, dass es sich nicht um total verschiedene Sinne handelt – nur um unterschiedliche Ausprägungen, denn die gefühlten Empfindungen sind bei allen Sinneskanälen annähernd gleich.

Es ist zB möglich die einlaufenden Schallwellen im Ohr zu fühlen und gleichzeitig zu hören. Dabei werden eindeutig drei Anteile gefühlt: Die einlaufenden Schallwellen (original), die dabei auftretenden Druckänderungen im Innenohr (relativ) und die Geräusche (interpretiert). Dazu wird noch nicht einmal eine besondere Konzentration benötigt, nur eine Hinwendung zum Ohr – und die Auflösung muss natürlich sehr hoch sein.


Wenn das nicht funktioniert, weil die ablenkende Gedankentätigkeit zu stark ist oder sonstige Einflüsse stören, dann kann folgendes probiert werden: Im Sitzen einen Unterarm auf die Arm-Lehne des Stuhles oder einen Tisch legen und die Hand über die Kante nach unten baumeln lassen. Alternativ kann einer oder beide Unterarme im Liegen senkrecht nach oben gestellt werden.

Das wird nach einigen Sekunden eine intensive Wahrnehmung von Kribbeln hervorrufen, das selbst aus dem stärksten Gedankenchaos heraussticht. Dann einfach dieses Kribbeln fühlen, so direkt wie möglich – und sich in die Empfindung hinein fallen lassen.

Das ist nur für den Einstieg und auch nicht optimal, weil die Wahrnehmung eher konzentriert ist. Wenn klar ist, was mit “direkt empfinden” gemeint ist, kann mit dem weiten Aufmerksamkeitsfeld, wie oben beschrieben, experimentiert werden.

Diese Übung kann auch dabei helfen, im Moment zu bleiben – zB beim Spazierengehen diesen Satz sprechen oder denken – und dann direkt fühlen. Bei einer Ablenkung wieder den Satz sprechen oder denken und wieder fühlen. Und so weiter. Wenn das nach einiger Zeit automatisiert ist, wird der Satz nicht mehr benötigt.