Was ist eigentlich der Verstand?

Ego und Verstand sind im Prinzip das Gleiche: ein Bündel von Gedanken, die im Bewusstsein erscheinen. Diese Gedanken beschäftigen sich immer mit Unterschieden. “Das gefällt mir, jenes nicht”. “Das sollte so sein und jenes anders”. “Ich will das haben – jenes aber nicht”. Diese können nur deshalb auftauchen, weil sich das Bewusstsein in diesem Moment nicht klar darüber ist, dass die Objekte, die es gerade wahrnimmt, in ihm erscheinen. In diesem Fall identifiziert sich das Bewusstsein nicht mit sich selbst und hält sich nicht an sich selbst fest – deshalb kommt es automatisch zur Identifikation mit dem am stärksten wahrnehmbaren Objekt im Bewusstsein – das ist immer der Ich-Gedanke, der auch immer als erstes Objekt im Bewusstsein auftaucht.

Wenn sich das Bewusstsein mit dem Ich-Gedanken identifiziert, sieht es tatsächlich so aus, als ob da ein Ego ist, das “ich” fühlt, sich mit seinem Namen und Körper identifiziert und einen Verstand besitzt der die Gedanken denkt. Das ist so, weil im identifizierten Zustand der Ich-Gedanke aufgrund seiner Stärke im Mittelpunkt des Bewusstseins erscheint – sozusagen “ganz vorne”. Andere Gedanken und Objekte rücken dagegen in den Hintergrund. Daraus entsteht so etwas, wie eine “optische Täuschung”, wie wenn mehrere Menschen hintereinander stehen und ihre Arme in alle Richtungen ausstrecken. Wenn man da frontal drauf schaut, erscheint es so, als ob der vorne sichtbare Mensch mehr als zwei Arme hat. Mir fällt gerade ein, dass die Lebenskraft=Shakti als achtarmige Göttin dargestellt wird.

Tatsächlich tauchen die Gedanken im Bewusstsein genauso auf, wie Gefühle, der Körper, Sinneswahrnehmungen und “äußere” Objekte und Bewegungen. Es gibt im Menschen keine “Einrichtung”, die Gedanken, Gefühle, sensorische Wahrnehmungen oder Willen produziert – das alles wird durch die Lebenskraft (Shakti) in das Bewusstsein projiziert.

ALLES, was geschieht, erscheint im Bewusstsein, als passive und direkte Wahrnehmung.

Wenn sich dieses Bewusstsein mit sich selbst identifiziert und ständig an sich selbst festhält, dann versiegen die widersprüchlichen und chaotischen Gedanken von selbst. Dann wird es still und friedlich, weil das reine Bewusstsein in den Vordergrund tritt. Es können dann sehr wohl noch Gedanken aufsteigen – aber das sind viel weniger als vorher und sie sind klar und transparent und werden eindeutig als im Bewusstsein erscheinend wahrgenommen. In diesem Zustand wird ständig direkt wahrgenommen:

Ich bin reines Bewusstsein, der Raum, in dem alles erscheint und vergeht.

Da der Verstand und das Ego lediglich gedankliche Illusionen sind, die nur solange aufrecht erhalten werden können, wie Gedanken im Bewusstsein erscheinen, verschwinden beide, sobald man intensiv nach ihnen sucht und dabei einen Gedanken festhält, worauf alle anderen aussetzen. Das kann jeder, der das versucht, direkt erfahren: niemals wird er so etwas wie ein Ego oder einen Verstand finden. Statt dessen erfährt er den reinen Ich-Gedanken und entdeckt die Stille (reines Bewusstsein), die den Hintergrund der Gedanken bildet. Das wird direkt als das Gefühl erfahren: Ich bin die Stille. Die Stille (reines Bewusstsein) verbindet als Hintergrund alle Gedanken miteinander, alle Töne und Bewegungen – wie das weiße Blatt Papier, auf dem Wörter und Bilder gedruckt sind.

Das leere Bewusstsein identifiziert sich mit dem stets als erstes auftauchenden Ich-Gedanken. Daraus entsteht die Illusion von “Ich”. Dieses identifiziert sich mit dem Körper und dem Namen, woraus die Illusion einer Person entsteht. Die Person identifiziert sich mit den automatisch auftauchenden Gedanken, woraus die Illusion entsteht, als ob die Person eine illusorische Einrichtung, namens Verstand besitzt, die in der Lage ist, Gedanken zu erzeugen. Hier näheres zur Entstehung der Kette von Illusionen, eine unabhängige Person zu sein, die denkt und in der Welt handelt.

Der Verstand ist die Illusion, dass eine Person die automatisch erscheinenden Gedanken selbst denkt

In Wirklichkeit kann aber weder das Auftauchen und Verschwinden von Objekten im Bewusstsein, noch die Identifikation oder Nicht-Identifikation des Bewusstseins mit diesen Objekten – vom Bewusstsein selbst beeinflusst werden – das regelt alles die Lebenskraft. Das Bewusstsein ist das eigentlich Lebendige, das aber lediglich als passiver Empfänger dient, für die von der Shakti aktiv gesendeten Objekte und Bewegungen, die dann im ursprünglich dunklen und stillen Bewusstsein aufleuchten, wie auf einer Filmleinwand.

Wenn also ein Mensch zu einem anderen sagt: “Erkenne Dich selbst, halte an Dir fest und bleibe dort”, dann bedeutet das immer, dass sowohl die Aussage, als auch die dann möglicherweise eintretende Aktion von selbst geschieht. Es ist die Lebenskraft, die für all das zuständig ist und nicht das Bewusstsein. Die Lebenskraft ist immer aktiv gebend, das Bewusstsein immer passiv nehmend. Deshalb gibt es keine Person die handelt, schuld ist und ihr Verhalten ändern könnte. Die “Schuldige” ist immer die Lebenskraft (Shakti), die ein Aspekt des SELBST ist, der Quelle, die ICH BIN.

Die perfekte Analogie dazu ist die Kinoleinwand (lebendiges Bewusstsein): Sie kann nichts dagegen tun, dass jemand (die Lebenskraft) den Projektor einschaltet und sie kann nicht beeinflussen, welcher Film im Projektor eingelegt ist, wie die Handlung ist, wo sie stattfindet und wie und wann der Film endet. Sie wird aber auch niemals von den Bildern bewegt, die nur auf sie projiziert werden. Nach dem Ausschalten des Projektors ist die Leinwand so dunkel, still und unberührt, wie zuvor.

ICH BIN DAS BEWUSSTSEIN und nicht die Objekte und Bewegung darin!

In Wirklichkeit gibt es nur EINES, das alles in sich birgt – und ICH BIN DAS EINE.